DINALPIN – Zwei Namen, eine DNA, eine Legende
Wer über die internationale Geschichte von Alpine spricht, denkt unweigerlich an Dieppe, an legendäre Rallyen und an die erfolgreiche Alpine A110. Kaum jemand jedoch verbindet diese französische Sportwagenikone mit Mexiko. Und doch entstand dort ab 1965 eines der faszinierendsten und seltensten Kapitel der Alpine-Historie: die Dinalpin.
Alles begann 1955, als der junge Renault-Händler und Rennfahrer Jean Rédélé seine eigene Marke gründete. Seine Vision war ebenso klar wie kompromisslos: leichte, agile Sportwagen auf Renault-Basis, gebaut für Kurven, nicht für reine Höchst-geschwindigkeit. Nach den frühen Modellen A106 und A108 erschien 1962 die A110 – eine heckmotorisierte, federleichte Berlinette, deren Technik unter anderem vom Renault 8 Gordini stammte. In den frühen 1970er-Jahren dominierte Alpine den internationalen Rallyesport. 1971 gelang bei der Rallye Monte Carlo ein historischer Dreifachsieg, 1973 folgte der Gewinn der ersten Rallye-Weltmeisterschaft gegen starke Konkurrenz wie den Porsche 911. Alpine war längst mehr als nur eine Marke – sie war ein Synonym für Leichtbau, Balance und fahrerische Präzision.
Während in Europa die Rallyeerfolge Schlagzeilen machten, verfolgte Mexiko einen ganz eigenen industriepolitischen Kurs. Hohe Importzölle sollten den Aufbau einer nationalen Fahrzeugproduktion erzwingen. 1951 wurde die staatliche Gesellschaft Diesel Nacional S.A. – kurz DINA – gegründet. Zunächst montierte man Nutzfahrzeuge und verschiedene Lizenzmodelle, unter anderem von Fiat und Renault. Mit dem wachsenden Wohlstand der 1960er-Jahre entstand jedoch eine neue, selbstbewusste Mittelschicht – und damit auch der Wunsch nach einem sportlichen Prestigeobjekt aus heimischer Produktion.
1965 wurde zwischen Alpine, Renault und DINA ein Lizenzabkommen geschlossen. Da der Name „Alpine“ in mehreren Märkten markenrechtlich geschützt war, musste eine neue Bezeichnung gefunden werden. Die Lösung war ebenso pragmatisch wie elegant: DINALPIN – eine Kombination aus DINA und ALPIN, bewusst ohne das abschliessende „e“, um den französischen Klang zu bewahren. Produziert wurde im Industriegebiet Colonia Vallejo in Mexiko-Stadt. Plötzlich hatte Mexiko seinen eigenen Sportwagen. Die mexikanischen Fahrzeuge blieben der technischen DNA treu.
In den ersten Jahren kam der 956-cm³-Vierzylinder zum Einsatz, später folgte der 1,1-Liter-Motor aus dem Renault 8, ab 1971 schliesslich der 1.289-cm³-Cléon-Motor. Doppelvergaser von Solex oder Weber, Scheibenbremsen rundum, verstärkte Aufhängungen mit Komponenten aus dem R8 Gordini und ein Gewicht von rund 700 Kilogramm sorgten dafür, dass die Dinalpin fahrdynamisch ganz auf Augenhöhe mit ihren europäischen Schwestern lag. Gesetzlich vorgeschrieben war ein lokaler Fertigungsanteil von 60 Prozent. Selbst die Karosserien entstanden in Mexiko, wobei man auf das Know-how eines Bootsbauers zurückgriff. Alpine-Techniker unterstützten die Produktion monatelang vor Ort, bis Qualität und Prozesse dem französischen Vorbild entsprachen. Trotz technischer Authentizität blieb der wirtschaftliche Erfolg überschaubar. Die Dinalpin war teuer – in manchen Fällen kostspieliger als ein Ford Mustang, der mit deutlich mehr Hubraum und Leistung auftrat.
Zudem fehlte in Mexiko ein offizielles Motorsportprogramm, das in Europa als wichtigstes Verkaufsargument diente. In der Öffentlichkeit galt die Dinalpin als elegant und exklusiv, doch teilweise auch als „zu feminin“ für einen Markt, der sich stark über Motorleistung definierte.
Zwischen 1965 und 1974 entstanden insgesamt rund 693 Fahrzeuge: gut 500 Berlinettes, etwa 60 Cabriolets und etwas über 130 GT4. 1974 endete die Produktion, 1976 wurde das letzte Fahrzeug verkauft. Damit schloss sich das Kapitel des Personenwagenbaus bei DINA endgültig.
Heute gehört die Dinalpin zu den seltensten Varianten der A110-Familie. Erstaunlich viele Fahrzeuge sind erhalten geblieben, zahlreiche befinden sich noch in Mexiko und werden bei historischen Veranstaltungen bewegt. Andere Exemplare fanden ihren Weg nach Europa, in die USA oder nach Japan. Innerhalb der internationalen Alpine-Szene gilt die Dinalpin längst als begehrtes Sammlerstück – nicht nur wegen ihrer Seltenheit, sondern wegen ihrer besonderen Geschichte.
Als 2017 die moderne Alpine A110 vorgestellt wurde, schloss sich symbolisch ein Kreis. Die Linienführung zitierte bewusst die Berlinette von 1962, die Philosophie des Leichtbaus lebte neu auf. Offizielle Verkaufszahlen für Mexiko existieren zwar nicht, doch die Vorstellung, dass eine neue A110 irgendwann auf mexikanischen Strassen unterwegs ist, wirkt wie eine stille Hommage an die Dinalpin.
Die Geschichte der Dinalpin zeigt eindrücklich, wie weit eine Idee tragen kann. Was in Dieppe als Vision von Jean Rédélé begann, wurde in Mexiko zu einem eigenständigen Kapitel Automobilgeschichte. Zwei Namen, eine technische Herkunft – und eine Legende, die bis heute Enthusiasten fasziniert.
Text: Fredy Pillinger/ 20.02.2026
ALPINE ASSOCIATION BODENSEE

