Wie aus einer französischen Limousine Brasiliens erster Sportwagen wurde
Manchmal beginnt eine Legende ganz unscheinbar – mit einer braven Familienlimousine.
Die Renault Dauphine war in Europa zuhause, in Frankreich millionenfach unterwegs und selbst in den USA ein Erfolg. Tag für Tag wurden hunderte Fahrzeuge über den Atlantik verschifft. Doch in Brasilien begann ihre eigentliche Geschichte erst 1959, als Willys-Overland do Brasil die Produktion unter Renault-Lizenz aufnahm.
Was als wirtschaftliches Alltagsauto gedacht war, wurde zum Fundament einer der spannendsten Sportwagengeschichten Südamerikas.
Die Dauphine war die logische Weiterentwicklung des legendären Renault 4CV – kompakt, heckmotorisiert, mit selbsttragender Karosserie, sparsam und robust. Technisch basierte sie noch auf der Vorkriegsentwicklung von Fernand Picard, formal zeigte sie Anleihen bei der grösseren Renault Frégate. In Brasilien stieg der Anteil einheimischer Teile rasant: Innerhalb von zwei Jahren stammten 95 Prozent der Komponenten aus lokaler Produktion. Industriepolitik pur – und gleichzeitig die Basis für deutlich mehr.
1962 folgte die sportlichere Variante: der Renault Gordini. Äusserlich fast identisch, technisch aber klar geschärft. Mehr Leistung, ein Vierganggetriebe, eine präzisere Abstimmung. Benannt nach dem legendären Motorentuner Amédée Gordini. Der Gordini war kein Exot – er war ein Statement. Und er fand schnell den Weg auf Brasiliens Rennstrecken. Doch in São Paulo dachte man bereits einen Schritt weiter.
Der brasilianische Markt wuchs, Importzölle schützten die heimische Produktion, und Volkswagen kündigte an, den Volkswagen Karmann Ghia lokal zu bauen. Willys musste reagieren. Über die enge Verbindung zu Renault entstand der Kontakt zu Jean Rédélé, dem Gründer von Alpine. Sein neues Modell, der Alpine A108, teilte sich viele technische Komponenten mit der Dauphine – doch optisch spielte er in einer ganz anderen Liga: flach, dynamisch, fast wie eine kleine Rakete auf Rädern.
1961 wurde der Vertrag unterzeichnet. Der Name „Alpine“ stand im Raum – doch der Journalist Mauro Salles hatte eine bessere Idee. Er schlug vor, den Wagen nach der berühmtesten Rennstrecke des Landes zu benennen: Interlagos. „Zwischen zwei Seen“ – poetischer kann ein Name kaum sein.
Der Willys Interlagos war geboren.
Gebaut wurde in einer einfachen Halle in Jurubatuba. Die Glasfaserkarosserien entstanden in Handarbeit, die Stahlrohrrahmen wurden verschweisst, Motor und Getriebe hinten eingebaut – ganz im Sinne der französischen Vorlage. Cabriolet, Coupé oder Berlinetta standen zur Wahl. Produziert wurde ausschliesslich auf Bestellung. Exklusivität war hier kein Werbeslogan, sondern Realität.
Mit rund 530 Kilogramm Leergewicht war der Interlagos ein echtes Leichtgewicht. Die Motoren reichten vom 845-cm³-Ventoux-Aggregat mit 32 PS bis zur 998-cm³-Rennversion mit 70 PS. In Kombination mit dem geringen Gewicht waren bis zu 170 km/h möglich – Werte, die ihn in Brasilien zu einem ernstzunehmenden Gegner deutlich stärkerer Fahrzeuge machten. Und dann kam der Motorsport.
Willys stellte ein eigenes Werksteam auf. Fahrer wie Bird Clemente, die Brüder Fittipaldi oder José Carlos Pace bewegten den Interlagos im spektakulären Driftstil durch die Kurven. Das gelb-grüne Willys Racing Team dominierte nationale Rennen und stellte sich Konkurrenten wie dem Simca Abarth oder dem Malzoni DKW. In seiner Klasse war der Interlagos kaum zu schlagen.
1967 folgte mit dem Bino Mark I – benannt nach Christian „Bino“ Heins – ein noch kompromissloserer Prototyp. Bei den „Mil Milhas“ in Interlagos feierte er sensationelle Gesamtsiege – vor deutlich hubraumstärkeren Fahrzeugen, teilweise sogar vor einem Porsche 911. Ein Jeep-Hersteller, der Porsche schlägt – das war Brasilien in den
1960er-Jahren.
Parallel arbeitete ein kleines Team an einem Facelift: grössere Scheinwerfer vom Renault 16, neue Frontpartie, überarbeitetes Heck, 2+2-Innenraum mit Holzarmaturenbrett. Der Prototyp war bereit für die Serie – doch 1967 übernahm Ford Motor Company Willys-Overland do Brasil. Die Produktion des Interlagos endete abrupt. Bis 1966 entstanden lediglich 822 Fahrzeuge. Eine kleine Zahl – aber genau darin liegt sein Mythos.
Projekte wie der Capeta mit 2,6-Liter-Motor blieben Einzelstücke. Der Traum vom brasilianischen Sportwagen war vorerst vorbei.
Jahrzehnte später wagte man mit dem AW 380 einen modernen Versuch. 2014 in Bologna vorgestellt, mit 610 PS starkem Biturbo-Motor – doch die angekündigte Kleinserie blieb Theorie.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, in der Mut, Leichtbau und Rennleidenschaft mehr zählten als Stückzahlen. Der Interlagos war mehr als eine brasilianische Alpine. Er war der Beweis, dass grosse Träume auch fernab von Europa entstehen können.
Text: Fredy Pillinger/ 20.02.2026
Prototype Willys AW 380 Berlinetta
Klassische Sportwagen-Würzmischung
Die italienische Automanufaktur Maggiora und der Karosserieschneider Viotti haben ihre Kräfte gebündelt und die brasilianische Marke Willys wiederbelebt. Das Erstlingswerk Willys AW 380 Berlinetta feiert auf der Bologna Autoshow Premiere.
Willys AW 380 Berlinetta mit 610 PS starkem Boxermotor
Unter dem Carbon-Kohlefaserkarosseriekleid des 4,43 Meter langen, 1,94 Meter breiten und 1,23 Meter hohen Willys AW 380 Berlinetta, von dem nur 110 Exemplare zum Startpreis von rund 380.000 Euro geplant sind, steckt modernste Technik. Befeuert wird der Willys von einem 3,8-Liter-Sechszylinder-Boxermotor mit Biturboaufladung und 610 PS, der als Mittelmotor verbaut wird. Die 830 Nm Drehmoment, die ausschließlich an die Hinterräder weitergereicht werden, stehen nur 1.350 kg Fahrzeuggewicht gegenüber. Wer das manuelle Sechsgang-Getriebe ausreichend fix schaltet soll nach 2,7 Sekunden 100 km/h erreichen können. Die Höchstgeschwindigkeit wird mit 340 km/h angegeben.
Bei einem Radstand von 2.418 mm bietet der AW 380 zwei Sitzplätze. Den Asphaltkontakt stellen vorne 19-Zoll-Felgen mit 265/35er Pneus her. Hinten drehen sich 345/30er Pneus auf 20 Zoll großen Felgen. Verzögert wird per Carbon-Keramik-Bremsanlage mit 380er Scheiben und Sechskolbenzangen vorn, an der Hinterachse unterstützen 360er Scheiben und Vierkolbenzangen.
https://www.youtube.com/watch?v=3SB9bmts1sU
ALPINE ASSOCIATION BODENSEE






